"ich" "Bub" "brav" !

 

Die Entwicklungsgeschichte des Fabian X.

Die Problematik

 

 

Es hat im Schuljahr 2005/06  begonnen, als Fabian X. (Name geändert), damals 7 Jahre alt, ein schwer geistig behinderter Bub mit der genetischen Krankheit "Fragiles X Syndrom", Autismus, ADHS und ohne Sprache,  in unserer Schule, im ZIS Holllabrunn, in der Basal-Förder-Klasse eingeschult wurde. Er hat damals, frustriert, oft und viel gezwickt und manche behaupteten, dass er auch absichtlich vieles kaputt machte. Es wurde vereinbart, dass er wegen ADHS medikamentös eingestellt werden musste - was bis heute noch notwendigerweise anhält. Weil er, wie all seine KlassenkollegInnen, zusätzlich zur Arbeit mit den LehrerInnen auch intensive Betreuung in der Schule brauchte, kam ich im Jänner 2006 zu seiner Klasse als Fachbetreuerin dazu.

 

Meine (personzentrierte nach C.Rogers) Arbeitseinstellung ist, in jedem und mit jedem Schüler – wie auch immer behindert – kongruent und mit wertschätzender Akzeptanz nach Ressourcen und Vorlieben zu suchen, sie aufzugreifen und mit den LehrerInnen gemeinsam die Bedingungen zu schaffen, welche dessen weitere Entwicklung begünstigen.

 

Der Beginn: ein „Zufall“?

 

 

Unsere gemeinsame "Buchstaben-Arbeit" begann ungeplant, als ich ihn im Konsens mit seiner Lehrerin dabei unterstützten wollte,  wöchentlich am großen Morgenkreis im Turnsaal mit ca. 20 anderen Schülern der E-Klassen teilzunehmen - oder wenigstens dabei, möglichst 50 volle Minuten im Raum zu bleiben, ohne aus der Gruppe als Störfaktor ausgewiesen werden zu müssen. Was er mittlerweile ohne Probleme schafft, war damals ein schwieriges Unterfangen...! In den Zeiten, wenn sein Durchhaltevermögen ihn ziemlich bald verließ und er die anderen zwicken oder davon laufen wollte, wenn nichts mehr half, nahm ich ihn zur Seite, neben der mit Teppichtapeten überzogenen Wand des Turnsaales und gab ihm ein Puzzle. Einmal, weil das auch nicht wirkte, begann ich, leise, um nicht die anderen zu stören, den Anfangsbuchstaben seines Namens "F" mit meinen Fingern auf die Teppichwand zu ziehen und dabei "Fff" zu lautieren. Die  "F"-Spuren meiner Finger auf dem Velour der Teppichtapete  in Kombination mit dem F-Laut seines Namens faszinierten Fabian so sehr, dass er immer wieder  mit lachendem Gesicht meine Hand nahm, sie zur Wand führte und mich dazu brachte, das Ganze hunderte  Male zu wiederholen.

 

Die Fortsetzung

 

 

Neue Varianten unseres Buchstabenspiels kamen dazu, als wir damals regelmäßig in der gleichen Gruppe der anderen E-Klassen in unserer Stadt unterwegs waren. Ohne Teppichwände begann ich auf Fabians Rücken, Oberarme und Handflächen das "F" und dann auch alle Buchstaben seines Namens mit meinen Fingern zu ziehen. Das genoss er noch mehr, schüttelte seine Hände hin und her vor Freude, wie ein junger Vogel bei seinen Versuchen aus seinem Nest zu fliegen und lachte. Wann immer ich die Möglichkeit fand, habe ich das Ganze auf die Tafel mit der Kreide übertragen und weiter für ihn Buchstaben für Buchstaben seines Namens lautiert. Mit der Zeit in den darauffolgenden Schuljahren begann er selbst zu lautieren "Fffff" und "...annn" (für Fabian). In den Stunden der Einzelförderung habe ich seinen Namen vielfach eingesetzt: im rhythmischen Schaukeln (Fa-bi-an), Trommeln, Mengenverständnis von der Zahl "3" anhand der 3 Silben Fa-bi-an, schriftlich auf Tafel, Papier, Post-it-Zetteln...Ich schrieb ihm auch immer auf die Tafel, alles was er im Spiel mit mir lautierte: Fffff, Aaannnn, Sssssss, B.b.b, Ooooo, Iiiiii.....Er erlebte dabei, dass (ziemlich) alles was an Lauten aus unserem Mund herauskommt, eine schriftliche Darstellung haben kann. Es kam immer dieselbe Begeisterung von seiner Seite und das  motivierte uns beide weiter daran zu bleiben!

 

Parallel dazu saßen wir oft gemeinsam mit diversen pädagogischen Programmen am Computer. Sehr schnell konnte er mit der Maus umgehen und er klickte an und probierte und probierte, bis wir gemeinsam DAS richtige Spiel für ihn entdeckten: Buchstaben und Wörter angeln oder sie auf Lastautos aufladen! So kamen auch andere Buchstaben dazu und in der Folge weitere einfache Wörter wie Papa, Mama, Oma, Opa, Ball, Haus. Mit Hilfe von anderen Buchstaben-, Kartenspielen und Buchstabenpuzzles entdeckte er seine Vorliebe für bestimmte Lauten wie "X", "F", "B", "D", "R", "CH" und bestimmte Wörter wie Bus, Fuchs, Dach, Bauch. Ich entdeckte, dass er es als besonders lustig erlebte- und  noch immer erlebt - wenn ich diese Laute besonders "dick aufgetragen", ausgiebig und stark, auch  in Wörtern kombiniert, für ihn aussprach: "Xxxx", "Fuchs"..."Dachchch", "Bauchchch"...Das motivierte ihn, selbst zu versuchen, hemmungsloser zu lautieren und dadurch auch mit anderen Schülern und Erwachsenen ins "Gespräch" zu kommen. Diese seine "Sprache" setzt er übrigens jetzt ein, wenn er in den Pausen die Gesellschaft der Buben aus den anderen Klassen am Gang sucht. Denn, dass Fabian nicht sprechen kann, muss nicht bedeuten, dass er (ver-)stumm(t) bleibt!

 

Die weiteren Entwicklungsschritte

 

 

All die Jahre seit seiner Einschulung - er wird mittlerweile 16 Jahre alt - kamen Stufe für Stufe mehrere Steigerungen in seinem Spracherlebnis. Ich nutzte seine Vorliebe für Tiere aus, zeigte ihm diverse Tiere aus Karton und pickte auf jedem einen Zettel mit dessen Namen: Bär, Affe, Löwe, Elefant, Schlange, Tiger waren die ersten Tiere, deren Schriftbild Fabian kennenlernte. Dann musste er die Zettel jedem Tier zuordnen und später auf den Zettel allein, ohne das Bild des Tieres dazu, hinzeigen: Zeig mir, wo steht "Bär"! Das ganze Procedere haben wir mit Wörtern aus anderen Themenkreisen - wie z.B. Essen - wiederholt und dann erfuhr ich in einem Seminar über die GUK 1 - Karten. Die ersten 100 Alltagsbegriffe in Karten mit Bild, Schrift und Gebärde. Neue Spiele und Variationen in diversen Positionierungen kamen dazu, nachdem uns der Klassenlehrer die Karten besorgte. Im Schaukeln, Sitzen, Liegen, auf Matten und Boden oder hinter einer offenen Kastentür versteckt arbeiteten wir mehr als ein Jahr lang mit diesen Karten. Bild mit Schriftbild verbinden, zuordnen, dann nach Vorsagen - ohne Bild  - das richtige Wort aus mehreren aussuchen, lernen sich nicht nur auf den Anfangsbuchstaben zu verlassen...

 

Ein anderer  Schritt war, manche für ihn wichtige und relevante  Wörter auf Zettel zu schreiben und ihn hinzeigen zu lassen, wenn er etwas davon haben wollte. So kam es zum Beispiel,  dass er am letzten Vormittag der Projekttage  im Jahr 2012 mit den Zetteln "Mama" und "Bus" herum ging, weil ihm das Ganze zu viel geworden war und er endlich nach Hause zurückfahren wollte! Im Schulalltag zeigt er mittlerweile auf die Zettel "Saft" oder "Tee", wenn es Zeit zum Trinken ist, oder auf "Ja" oder "Nein". Diese Art "direkte" Kommunikation kann natürlich nur so viel eingesetzt werden, wie es Fabians  autistische Lebensart zulässt. Die Gebärden wollte er bisher nicht näher kennen lernen; es ist nur bei der für ihn lustige Gebärde für "Fuchs" geblieben. Trotzdem zeige ich ihm (selbst weiter lernend) regelmäßig manche alltäglichen Gebärden zu den Wörtern dazu, wie für "Bub", "trinken", "essen", "Ball", "Buch", "brav", "kaputt"...Vielleicht entscheidet er sich eines Tages dafür, sie selbst zu seinem Lautieren dazu zu verwenden...

 

Jetzt

 

Seit Beginn dieses Schuljahres 2014/15 hat er bereits gelernt, die  vier Jahreszeiten in Bild und Wort zu erkennen und jetzt ist er gerade dabei zu "Herbst" hinzuzeigen, wenn man ihn fragt "In welcher Jahreszeit hast Du Geburtstag?" (Natürlich nur dann, wenn er es in seiner autistischen Welt auch in Anwesenheit von anderen außer mir, seiner vertrauten Trainerin, durchlassen möchte. Dies geschieht aber leichter als früher). Das Wort "Bub" begeistert ihn nach wie vor und "ich", "du" und "brav" sind seine neue "Lieblinge". Ich versuche jetzt mit ihm mehrere (bis 3) Wortbilder mit einander zu kombinieren und eine Art einfachen "Satz" für ihn zu formen. Dass ihn seine komplexe geistige Behinderung  und die begrenzte Möglichkeit, sich selbst aktiv auszudrücken, immer wieder frustriert, ist eine Tatsache, die man ihm aus seinem Leben nicht wegräumen kann. Unser - übrigens auch toller Puzzle-Meister  - Fabian hat aber die größte Freude daran, wenn er lautierend die Wörter : "ich" "Bub" "brav" aussuchen kann und ist stolz auf sich! Und ich auf ihn! Bravo Fabian!

 

Arbeit der Fachbetreuerin Dr. Rula Leontsini am Beispiel von "Fabian X."

ZIS Hollabrunn